Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - 1. November 2011 - Nr. 41

Begegnungen mit Tarot

Acht Kelche – Abschied im Herbst
von Annegret Zimmer


"Acht Kelche " aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

„Wie  schnell doch der Sommer wieder vergangen ist!“, höre ich jemanden sagen. „Und überhaupt das ganze Jahr ist fast schon rum…“ Auch ich kann mich dieser Stimmung nicht verschließen. Gerade war ich noch im Urlaub an der Nordsee, und nun hat es bereits die ersten Nachfröste gegeben. Wehmut überkommt mich, wenn ich an den Mai denke mit den schwellenden Knospen und dem zarten Licht über einer sanften Bucht an der Ostsee, an den strahlenden Sommer mit Wiesen und Wäldern, die nach Sonne dufteten, und an den goldenen Herbst, der mir noch ein paar schöne, auch stürmische Tage an der Küste beschert hat. Bleibt mir jetzt wirklich nur noch, unaufhaltsam dem Winter entgegen zu schreiten und all diese Freuden hinter mir zu lassen? Traurig und gefasst, wie der Mann auf dem Bild der Karte Acht Kelche? Wird er wieder so grimmig und schneereich werden, der kommende Winter? Es gruselt mich, daran zu denken, und auch daran, dass ich mich bald wieder von einem Jahr meines Lebens verabschieden muss.

Oft überkommt mich im Herbst eine große Traurigkeit, eine Wehmut, wie wenn ich mich von einem geliebten Menschen verabschieden muss, der doch gerade erst zu Besuch gekommen und nur eine allzu kurze Zeit geblieben ist. Und nun verlässt er mich schon wieder! Aber ich weiß auch, es ist nicht sinnvoll, ihn festzuhalten. Er muss seiner Wege gehen und sein eigenes Leben leben, das nur er ausfüllen kann und welches ihn zu dem Menschen macht, der mir so viel bedeutet. Und auch ich muss mein Leben weiterführen, selbst wenn das mitunter schwer ist, weil die Trauer um eine glückliche Zeit, die unwiederbringlich vorbei gegangen ist, zunächst alle schönen Erlebnisse überdeckt. Doch dann, etwas später, kommt der Moment, wo der Schmerz nachlässt, zurücktritt und den Erinnerungen Platz macht, den Eindrücken, Worten und Bildern, die ich gesammelt habe, und dann lebe ich wieder auf. Dann kann ich lächeln und mich freuen über all das Schöne was ich erlebt habe – im inspirierenden Beisammen sein mit einem lieben Menschen, in den schönen Augenblicken in der von den Jahreszeiten geprägten Natur, in den ruhigen Minuten eines Urlaubstags.

Und auf einmal ist es gar nicht mehr schwer, wieder aufzubrechen und neue Wege zu gehen, vielleicht in einen Winter mit viel Schnee – der aber auch wunderschöne Seiten haben kann, wenn man sich Zeit nimmt, sie zu genießen – und dann in ein neues Jahr mit einem neuen Frühling und Sommer, neuer Sonne auf zartem, jungem Grün, neuem duftenden Schatten in Sommerwäldern, aufbrechen auch zu neuerlichem beglückendem Beieinander mit geliebten Menschen und wunderbaren Orten, zu neuen schönen Urlaubstagen.

Immer wenn ich Abschied  nehme von lieben Menschen, schönen Zeiten und Orten, dann nehme ich sie letztlich in mich auf, so wie ich den Eindruck eines Sonnenuntergangs in mich aufnehmen kann. Dies ist der einzige Zeitpunkt, wo ich die Sonne direkt anschauen und ihr für ihr Licht und ihre Wärme danken kann. Und wenn sie dann gegangen ist, kann mir immer noch der Mond auf meinem Weg leuchten, so wie dem Menschen auf der Karte Acht Kelche.


Foto: Annegret Zimmer

Allen Lesern wünsche ich einen behüteten und sicheren Weg durch die dunkle Jahreszeit und einen erträglichen Winter, der auch die Freuden und Schönheiten von glitzerndem Reif und Schnee genießen lässt. Und lassen Sie uns niemals vergessen, im nächsten Jahr wartet ein neues Frühjahr auf uns.

(1) Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Verlags. © Königsfurt Verlag, Krummwisch.

Annegret Zimmer lebt und arbeitet in Halle/Saale und ist Gründungsmitglied des Tarot e.V. Erster Deutscher Tarotverband.