Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - September/Oktober 2007 - Nr. 25

Begegnungen mit Tarot

Die großen Arkana des Tarot - ein Reisebericht
Teil 1: Der Start

Heute werden wir eine Reise durch die Welt des Tarot antreten. Gemeinsam mit dem Narren erleben wir, wie ein Mensch, der aufbricht, um die Welt für sich zu erobern, zuerst viel Neues lernen muss, dann auch Abenteuer zu bestehen hat und am Ende an seinem Platz im Leben ankommt. Diese Geschichte erzählen uns die Karten der großen Arkana, wenn wir sie in ihrer Reihenfolge betrachten. Die Völker aller Länder besitzen ähnliche Mythen, Märchen und Legenden, und auch moderne Schriftsteller vermögen es immer noch, uns mit derartigen Geschichten zu fesseln, weil sie unsere eigene „Reiselust“ wecken, uns zeigen, wie auch wir uns den Abenteuern des Lebens stellen sollen, damit wir am Ende unseren ganz persönlichen Schatz bergen können. Der große Schweizer Psychologe C.G. Jung und seine Schüler haben diese Geschichte „Die großen Reise des Helden“ genannt, wobei es hier nicht um Helden mit übermenschlichen Fähigkeiten geht, sondern um die „kleinen Leute“ wie du und ich, die ihre Lebensaufgaben meistern. Gemeint sind damit nicht Batman, Supermann und Co, sondern Gestalten wie Frodo Beutlin aus dem Herrn der Ringe, der die scheinbar unlösbare Aufgabe auf sich nimmt, einen magischen Ring zu vernichten, oder ganz einfach der Junge, der auszog das Gruseln zu lernen, aus dem Grimmschen Märchen.

Der Narr als Held

So, wie uns der Marseiller Tarot den Narren zeigt, stellen wir uns keinen Helden vor: als einen abgerissenen Kerl, der nicht einmal soweit auf sich Acht gibt, dass er den Hund daran hindert, seine Hose zu zerfetzen! Oder als einen Burschen in bunter Kleidung und mit leichtem Gepäck, der sich nichts aus Förmlichkeiten macht, und durchs Leben wandert oder tanzt, unwissend und daher unbeschwert. Im Rider Waite Tarot wird er etwas anders dargestellt, in jugendlich geblümter Kleidung wie jemand, der zwar etwas auf Äußerlichkeiten gibt, sich jedoch nicht an Normen und Einschränkungen halten mag.


"Der Narr " aus dem
Tarot de Marseille Convos
(2)

"Der Narr " aus den Tarotkarten
von Athur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Der Narr repräsentiert Jugendlichkeit und Unbefangenheit. Wo er im Kartenbild erscheint, thematisiert er eine absolut unschuldige und bedingungslos tolerante Herangehensweise an die Dinge des Lebens. In unserer Geschichte wird er zum reisenden Helden, der gerade aufbricht und noch nichts von all dem ahnt, was ihn auf seinem langen Weg erwartet. Seine Zahl ist die Null, das Nichtwissen und die absolute Toleranz. Die Narren in fast allen Tarotdecks befinden sich in Begleitung eines Tiers, das als Symbol gesehen werden kann für den Instinkt, der uns überall dort leitet, wo wir noch gänzlich unbeleckt sind und Wissen und Erfahrung noch kein Handlungsmuster vorgeben. Sehr schön sehen wir beim Vergleich dieser beiden Narrenkarten, dass uns dieser Instinkt sowohl vor einem Absturz warnen (Rider Waite Tarot) als auch uns in den Rücken fallen und in Schwierigkeiten bringen kann (Marseiller Tarot).

Begleiten wir nun den Narren auf seiner Reise. Er hat sein Bündelchen geschnürt und ist entschlossen aufzubrechen im Vertrauen, dass schon alles gut und er nicht in einen Abgrund fallen wird. Beobachten wir, wie er mit den Herausforderungen des Lebens umgeht und an ihnen wächst.

Die Eltern - doppelt genäht hält besser
Vom Magier bis zum Herrscher

Die Herausforderungen beginnen bereits an der Haustür. Als erstes sieht sich unser Wanderbursche fünf Einzelpersönlichkeiten gegenüber, die ihn lehren, nach ihren Mustern prägen und natürlich auch beeindrucken wollen. Wie jeder, der sich auf das Leben vorbereitet, muss er sich zunächst mit den Vorstellungen seiner Eltern und Erzieher auseinander setzen. Im Elternhaus lernen wir die grundlegenden Dinge des Lebens, aber wir werden auch mit Grenzen konfrontiert, die wir zu überwinden haben, um selbständig zu werden.


"Der Magier " aus den Tarotkarten
von Athur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

"Die Hohepriesterin " aus den Tarotkarten
von Athur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Von den fünf Personen steht wohl der Magier dem Narren am nächsten, denn er ist so wie er selbst begabt, aktiv und unternehmungslustig. Er lehrt ihn, was man alles erreichen kann, wenn man die angeborenen Gaben nutzt und seine Fähigkeiten trainiert. Im Rider Waite Tarot lernen wir ihn als Herrn der Elemente kennen, der dank seiner Fähigkeiten den Himmel mit der Erde zu verbinden vermag.

Passiv und rätselhaft dagegen tritt ihm die Hohepriesterin entgegen. In alten Spielen heißt sie Päpstin und stellt ein Symbol der tiefen Gläubigkeit dar. Sie symbolisiert sowohl die innere Stimme als auch die Fähigkeit, Impulse aus der Außenwelt aufzufangen. Intuitives Wissen ist ihre Gabe an den jungen Reisenden. Fragt er sie, wohin er sich in der Welt wenden soll, erhält er die nebulöse Antwort, dass er einfach seinem Herzen folgen soll, denn es wird ihm den Weg weisen. Zwar erscheint ihm das jetzt noch recht schwer vorstellbar, doch da sie mit solch großer Überzeugung zu ihm spricht, vermutet er, dass sie recht hat, denn sie kennt ihn vermutlich besser als er sich selbst.

In ihrer männlich-aktiven bzw. weiblich-passiven Ausdrucksweise repräsentieren diese beiden Personen das Jin und Yang der frühen Kindheit: Der Vater, der alles vermag, der das Haus baut, das kaputte Spielzeug repariert und dich gegen den großen Hund von nebenan beschützt, und die Mutter, die dich bedingungslos liebt, dich kennt, wie du dich selbst nicht kennst, weiß, wann du Hunger hast oder wann du spielen willst, so dass du es nicht einmal sagen musst, und als einzige dich zu trösten vermag, wenn du dir weh getan hast. Doch schon bald machen wir auch andere Erfahrungen mit unseren Eltern: Sie bestrafen uns, obwohl das Nachbarkind die Scheibe zerschlagen hat, sie haben Autounfälle und vergessen gar, das Brot für’s Abendessen zu kaufen. Wir machen die folgenschwere Entdeckung, dass sie Menschen sind! Von jetzt an bekommen Sie ein anderes Gesicht.


"Die Herrscherin " aus den Tarotkarten
von Athur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

"Der Herrscher " aus den Tarotkarten
von Athur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Da ist die Mutter, die - zwar nicht allwissend - stets nach Kräften für uns sorgt, uns Essen gibt und Zärtlichkeit und unser Empfinden für Liebe ein ganzes Leben lang prägt. Sie steht für alles im menschlichen Leben, was der Natur geschuldet ist, der sanften wie der wilden, und wir finden sie in der Herrscherin repräsentiert, der Kaiserin der alten Kartenspiele. Ihr steht der Herrscher oder Kaiser gegenüber, der Urheber aller Regeln des Zusammenlebens, dem wir uns manchmal unterordnen müssen und den wir auch mitunter als ungerecht empfinden, der aber zugleich ein Schutzwall gegen die Urgewalten der Natur sein kann, selbst wenn er sie niemals bis ins letzte beherrschen wird. Wenn die Herrscherin dem Reisenden sein Verständnis für Liebe und Natürlichkeit mit auf den Weg gibt, so ist es der Herrscher, der eine Beziehung zu Regeln im menschlichen Zusammenleben vermittelt. Er gibt ihm quasi das Gesetzbuch mit, was er in sein Bündel packt.

Die Vierheit von Magier, Hoherpriesterin, Herrscherin und Herrscher führt uns vor Augen, dass jeder Mensch gewissermaßen doppelte Eltern hat: Die unfehlbaren, allwissenden der frühen Kindheit, nach denen sich selbst diejenigen von uns sehnen, die als Waisen aufwuchsen und diesen Grad von Geborgenheit nie erleben durften, und die - mehr oder weniger - liebevollen, bestimmenden Ernährer und Beschützer der Familie, die, wie man weiß, jedes Kind braucht, damit es harmonisch heranreifen kann.

Von den letzten Vorbereitungen zum Aufbruch
Der Hierophant und die Liebenden


"Der Papst " aus dem
Tarot de Marseille Convos
(2)

"Der Hierophant " aus den Tarotkarten
von Athur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Nun ist zu erwarten, dass unser Narr nach angemessener Zeit seinem Elternhaus entwächst und in die Welt aufbricht. Aber wie im Leben der meisten Menschen folgt zunächst eine irgendwie geartete Schul- oder Ausbildungszeit. Die Karte, die diese repräsentiert, wird in den verschiedenen Spielen Papst, Hoherpriester oder Hierophant genannt. Immer zeigt sie eine religiöse Führerperson, die andere lehrt oder ihnen predigt. In vielen Tarotspielen ist sie die erste Karte, die mehrere Menschen abbildet. Der Heranwachsende steht nun nicht mehr als einzelner seinen Eltern und Erziehern gegenüber. Hier beginnt er, einer von vielen zu sein. Was kann der Hierophant ihm auf den Weg geben? Seine Lehre, dass alles im Leben einen Sinn hat, auch wenn man manchmal nicht sogleich versteht, warum man verliert, den Kürzeren zieht oder verzichten muss. Seinen Segen und sein Gebet für das Gelingen der Reise! Und schließlich so manche Weisheit eines guten Lehrers, die selbst den Eltern unbekannt war. Manchmal brauchen wir einen solchen Lehrer, damit er uns zeigt, dass wir genau richtig sind mit all unseren Talenten und Anlagen, die wir besitzen, selbst wenn Familie und Umfeld darin keinen Sinn sehen und uns deshalb schief anschauen. Dann geht es uns wie Harry Potter, der erst in der Zauberschule erfährt, dass seine magischen Fähigkeiten nichts Unnormales und Abstoßendes sind, wie seine Zieheltern ihn haben glauben lassen.


"Die Liebenden " aus den Tarotkarten
von Athur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Und wenn er durch diese Schule gegangen ist, dann ist er tatsächlich befähigt, in die Welt hinaus zu treten. Die Liebenden bilden die Pforte aus der Kindheit ins Erwachsensein. Viele von uns haben diese Erfahrung gemacht: Als wir uns das erste Mal verliebten, sind wir auch zum ersten Mal unseren eigenen Weg gegangen. Da haben wir uns gelöst von der Meinung und dem Geschmack von Eltern und Erziehern. Da sind wir zum ersten Mal unserem Herzen gefolgt. An diesem Tor steht unser reisender Narr nun, hier verlassen wir ihn für heute und wollen ihn beim nächsten Mal wieder treffen.

© Annegret Zimmer

(1) Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Verlags. © Königsfurt Verlag, Krummwisch.

(2) Abbildungen aus dem Tarot de Marseille Convos mit Erlaubnis der Firma AGM AGMüller Urania, Neuhausen/Schweiz. © 1999 AGM. Weitere Reproduktion nicht gestattet.

Annegret Zimmer lebt und arbeitet in Halle/Saale und ist Gründungsmitglied des Tarot e.V. Erster Deutscher Tarotverband.