Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - September/Oktober 2007 - Nr. 25

Wort-Meldung

ICH WILL ALLES

Wer Sprachen vergleichend beurteilen will, lässt sich auf eine fast unlösbare Aufgabe ein und gelangt nicht selten zu höchst fragwürdigen Ergebnissen. Grundsätzlich kann man aber behaupten, dass die Sprache ihren Benutzern gute Dienste leistet, die ihnen ermöglicht, umfassend, differenziert, präzise, kreativ und ökonomisch über das zu reden, was für sie wichtig ist.

Einzelne Begriffe, einzelne Redewendungen in einer Sprache können durchaus vorteilhafter sein als ihre Entsprechungen in einer anderen Sprache, weil sie etwas präziser erfassen und damit auch den Sprachbenutzern einen genaueren Blick auf die Dinge ermöglichen.

Ein Beispiel?

"You can do anything, but you can’t do everything!" Wie soll man diesen einer englischsprachigen Anleitung entstammenden Satz ins Deutsche übertragen? "Du kannst alles tun, aber du kannst nicht alles tun." Das erscheint widersprüchlich.

Erst wenn man Ergänzungen vornimmt, wird das Ganze verständlicher: "Du kannst alles Mögliche tun, aber du kannst nicht alles zugleich tun."

Auch diese Version vermag nicht voll zu befriedigen, denn durch das Wort zugleich wird der Faktor Zeit ins Spiel gebracht – man könnte vielleicht doch jede Handlungsmöglichkeit ausschöpfen, wenn nur genügend Zeit wäre. Besser also: "Dir steht grundsätzlich jede beliebige Handlungsmöglichkeit offen, doch du musst dich für eine oder mehrere davon entscheiden, weil es unmöglich ist, dass du sie sämtlich wahrnimmst."

Nun ist aus der kurzen Aussage ein langer und zumindest weniger ökonomischer Satz geworden. Ist es schlimm, dass wir im Deutschen nicht einfach mit zwei Wörtern wie anything und everything den Unterschied ausdrücken können?

Schlimm sicher nicht, aber vielleicht nicht ohne Folgen. Denn obwohl wir nicht gleichsam Gefangene des Wortschatzes unserer jeweiligen Muttersprache sind, wie es Anhänger der sprachlichen Relativitätstheorie einmal zu erkennen glaubten, liefern uns unsere Wörter doch im alltäglichen, wenig reflektierten Sprachgebrauch die Kategorien, nach denen wir die Welt ordnen.

Das kann bei unserem vergleichsweise undifferenzierten deutschen Wort alles problematische Erwartungen wecken.

Freiheit, Selbstbestimmtheit, Autonomie – diese Begriffe sind eng mit dem Wort alles verbunden. Wem versprochen wird, alles tun, alles bekommen, alles sein zu können, kann dies natürlich als Befreiung des eigenen Wünschens und Strebens verstehen – you can do anything - , nicht selten oder viel häufiger wird alles aber als I will get everything interpretiert, was große Erwartungen, große Enttäuschungen und letztlich sogar eine Verachtung des anything nach sich ziehen kann.

"Ich will alles, ich will alles, und zwar sofort!", verkündete die Sängerin Gitte Haenning vor etlichen Jahren in einem erfolgreichen Lied. Auch heute wünscht man sich möglichst alles: Ein gutes Einkommen und viel Freizeit, berufliche Karriere und Familie, ein durch Industrieprodukte erleichtertes Leben und eine gesunde Umwelt, ein längeres Leben, aber dafür nicht mehr bezahlen – nicht das eine oder das andere, oder ein guter Kompromiss zwischen beidem ist gefragt, sondern alles.

Wohlgemerkt: Immer wieder gibt es Fälle, wo intelligente Lösungen es ermöglichen, zwei erstrebenswerten Zielen zugleich näher zu kommen. Und es gibt Fälle, wo mit dem Satz: "Man kann nicht alles haben!" anderen Rechte, Chancen und Güter von denen verweigert werden, die sie allein für sich beanspruchen.

Doch man kann sich fragen, ob unser Denken nicht etwas anders, in vielen Situationen etwas realistischer wäre, wenn alles nicht so leicht verwechselbar mit alles wäre. So gesehen, wäre man mit der englischen Sprache besser dran.

© Henrik Meetu